Kapitel 17

 

 

 

Erinnerungen

 

(1966-70)

 

 

 

 

Das letzte Wort aus Spandau erreichte Dr. Rudolf Wolters erst, nachdem der erste Kontakt mit Häftling Nummer fünf bereits erfolgt war - der versprochene Telefonanruf von Speers Berliner Hotel aus, gegen ein Uhr morgens des 1. Oktober 1966. Doch anstatt dem unerschütterlichen Geheimagenten des befreiten Mannes die lang ersehnte Freude entgegenzubringen, vermittelte Speer der Welt einen brutalen Eindruck davon, was die lange Beziehung seinem Nutznießer wirklich bedeutete. Speer rief in dieser Nacht mehrere Leute an, von denen Coesfeld nicht der erste war. Er teilte Wolters sachlich mit, daß er Ernst-Wolf Mommsen, den Düsseldorfer Industriellen, eingeladen habe, am 14. Oktober zu Wolters nach Coesfeld zu kommen, genau an dem Tag also, an dem er versprochen hatte, Wolters erstmals zu besuchen - unmittelbar im Aschluß an seine langwierigen Agonie der familiären Wiedervereinigung in Holstein. Mommsen war zu Kriegszeiten ein Mitglied von Speer 'Kindergarten' gewesen, wie auch einer der Hauptspender und Hauptbeteiligten des Schulgeldfonds.

 

 

Dies war ein ausgesprochen taktloses und unsensibles Verhalten, auch für einen Mann, der sich darauf freute, nach einundzwanzigeinhalb Jahren Gefangenschaft im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Mommsen, der den Mercedes für Spandau zur Verfügung gestellt hatte, nahm die Einladung trotz berechtigter Bedenken an. Er fühlte sich nicht dazu im Stande, den ersten Wunsch eines befreiten Mannes abzuschlagen. Wolters am Boden zerstört/niedergeschmettert, biß sich auf die Lippen, wie er es bereits getan hatte, als er in Speers Schriften mit dessen wiederholten Leugnungen ihres vormals gemeinsamen Glaubens an Hitler sowie mit dessen mehrmaligen nostra culpa (2x KURSIV) -Mantras konfrontiert worden war. Er biß sich auf die Lippen und ließ wieder einmal geschehen, daß Speer ihn wie selbstverständlich herumschubste. FUßNOTE (1) Es sollte in Zukunft noch mehr solcher Vorfälle geben, damit, wenn das Blatt sich erst einmal wenden würde, dies auch mit allem Nachdruck geschah.

 

 

Speer hatte es geschafft , vor der Journalisten-Meute, die ihn im ländlichen Grunewald am Hotel abgepaßt hatte, mit einem weniger als zehnminütigen Auftritt davonzukommen. Die ungebührlichen Fragen fielen ebenso uninspiriert aus wie die Antworten. Und ehe er sich nach oben in seine Suite begab, verkündete Speer, er hoffe, in seinen Beruf als Architekt zurückkehren zu können. Ihm und seiner Frau gelang es, per Flugzeug nach Hamburg zu entwischen und von dort aus jenes Versteck aufzusuchen, nach welchem die Presse in den darauffolgenden Tagen vergeblich fahndete.

 

 

Ein Gedrängel ganz anderer Natur erwartete sie bei ihrer Ankunft vor dem gemieteten Ferienhaus am Kellersee: Seine sechs Kinder, die zwei jungen Frauen und vier jungen Männer, deren jeweilige Eheleute und die dazugehörigen Enkelkinder. Jeder von ihnen war dermaßen bemüht, locker/entspannt zu sein - was ganz normal ist, wenn es der im Mittelpunkt stehenden Person so gründlich an Spontaneität mangelt und sie gerade aus einer zwei Jahrzehnte währenden Isolation auftaucht -, daß die Rückkehr des verlorenen Vaters für sämtliche Beteiligten eine bedrückende Enttäuschung wurde. Wie es auch für den Rest seines Lebens der Fall sein sollte, abgesehen von seinem letzten Jahr, war Speer zur Gänze mit sich selbst und seiner Vergangenheit beschäftigt, und interessierte sich nur minimal für die Angelegenheiten seiner großen, verwirrten und auf Anhieb entfremdeten Familie. Von nun an sollte er rückwärts in die Zukunft gehen, seinen Blick bis ganz zum Schluß unentwegt auf seine Glanzzeit als Hitlers Baumeister und Waffenkämmerer gerichtet.

 

 

Annemarie Kempf, deren Ortskenntnisse gut genug waren, um das geheime Stelldichein zu finden, hatte die Erlaubnis erhalten, für ein paar Tage aus Eutin zu Besuch zu kommen. Sie dachte sofort, daß Speer sich in den einundzwanzig Jahren, seit sie ihn zuletzt gesehen hatte, erstaunlich wenig verändert habe. Folglich war sie auch keineswegs überrascht, daß das Wiedersehen zu einem 'Fiasko' ausartete, von der sich die Familie nie wieder erholen sollte. FUßNOTE (2)

 

 

 

Gespannt in Coesfeld wartend, ging Wolters, ganz der Gourmet und Bonvivant, hinunter in seinen Keller, um nach der Flasche 1937er Fürst Metternich Schloss-Johannisberger Trockenbeerenauslese zu sehen. Er hatte sie extra für das langerwartete Wiedersehen aufgehoben. Allein, diese Begegnung war von vornherein zum Scheitern verurteilt - nicht nur wegen der Sache mit Mommsen, sondern auch weil kein einziges solches Ereignis dem Grad der - wenn auch nur von einer Seite gehegten - emotionalen Erwartung gerecht werden kann. Die ebenso nervöse Marion Riesser ging die Bankauszüge des Schulfonds durch und kam dank der abschließenden Initiative von Wolters und Mommsen, bevor Speer entlassen worden war, auf ein Guthaben von 26.171 Mark und drei Pfennigen. FUßNOTE (3)

 

 

Die beiden Herren, die sich zum letzten Mal im Frühjahr 1945 gesehen und während der vergangenen zwanzig Jahre in regem schriftlichen Kontakt miteinander gestanden hatten, brachten ihre Begrüßung auf einer westfälischen Türschwelle im Herbst 1966 mit professioneller Gelassenheit über die Bühne. 'Wie geht's? Ist lange her.' sagte Speer, seine Hand reichend. Wie bei jener etwas feierlicheren langersehnten Begegnung im vergangenen Jahrhundert, die die unsterbliche Banalität 'Dr. Livingstone, I presume?' (Dr. Livingstone, nehme ich an?) hervorbrachte, ward die Resonanz des Angesprochen auch hier nicht überliefert. Die Flasche Johannisberger, der gleiche Wein, den sie anno 1937 aus Anlaß der Ernennung Speers zum Generalbauinspektor der Reichshauptstadt geköpft hatten, wurde auch nun wieder kunstgerecht entkorkt und serviert. In derselben Laune sich ausbreitender Rührseligkeit hatte Wolters vor Jahren einen westfälischen Räucherschinken hergestellt - aus einem seiner Schweine, das im März 1953, an Stalins Todestag, geboren wurde, wobei Wolters gehofft hatte, es viel eher schlachten und verarbeiten zu können. Auch dies war genau so in einem Brief nach Spandau versprochen worden.

 

 

Am ersten der vier Tage, die Speer mit ihm verbrachte, überreichte Wolters ihm 'im Beisein meiner Assistentin Marion Riesser' einen feinsäuberlich aufgeschichteten Papierstapel. Dieser beinhaltete sämtliche Original Kassiber-Fassungen von Speers Arien (KURSIV) (Spandauer Entwürfe), Spänen (KURSIV) (Tagebuchnotizen) und Fenstern (KURSIV) (Material zu den Fenster-Studien) sowie Ergänzungsschriften und eine Zusammenstellung von Riessers Transkriptionen, von denen Frau Kempf und die Familie Speer bereits Kopien erhalten hatten.

 

 

'Als ich Ende 1966, nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis, erfuhr, daß Speer seine Memoiren, die er bereits in Spandau vorbereitet hatte, als Buch veröffentlichen wollte, gab ich ihm die Fassung meiner Chronik, die von mir gereinigt worden war. Ich riet ihm damals in Kurzform zu leichten Veränderungen der Original-Fassung (! ÜBERSETZT ! - ANGEBL. HAT KOLF BZW. BAUDISCH ORIGINAL-ZITAT!)

 

 

Wolters, der demonstriert hatte, wie gewissenhaft er Speers Instruktionen gemäß dessen Brief vom August 1946 aus Nürnberg befolgt hatte, händigte ihm auch Kopien seiner alten Baupläne aus sowie die Kopie eines von ihm selbst geführten Logbuchs für die Wanderung 'rund um die Welt', das seine lebhaftere Phantasie in ein für einen Gefängniswanderer in jeder Hinsicht reales Kulturabenteuer verwandelt hatte. Die Andenkensammlung enthielt außerdem Fotos, die Speer in Spandau unerlaubterweise mit einer Minikamera aufgenommen und herausgeschmuggelt hatte. Desweiteren borgte er Speer seine Akte des persönlichen 'schwarzen' Briefwechsels zwischen ihnen. Schließlich präsentierte Marion Riesser ihm einen Scheck über 25.000 Mark, dessen Empfangsquittierung sie formal von ihrer Verantwortung für den Schulgeldfonds entbinden sollte (Speer benutzte einen Teil dieser großzügigen letzten Gabe, um sich einen teuren Sportwagen zu kaufen; und brachte kurz darauf noch mehr Geld auf, indem er das Grundstück zu seinem Berliner Haus verkaufte). Die Kontoauszüge lassen erkennen, daß insgesamt Gelder in der beachtlichen Höhe von 158.000 Mark durch die Volksbank von Coesfeld geflossen waren, um Speer und seiner Familie zu helfen. FUßNOTE (4)

 

 

An seinem letzten Tag in Coesfeld offenbarte Speer einmal mehr seine tiefverwurzelte Arroganz gegen den geduldigen Wolters; es wardie Arroganz eines Herrn, der es für richtig erachtet, daß sein Diener nur existiert, um zu geben. Nachdem er nämlich die modernen Aktenschränken seines loyalen Domestiken bewundert hatte, jeder war mit vier Schubladen ausgestattet, die Vorrichtungen für ein Hänge-Register (HANGING FOLDERS) enthielten, fragte er Wolters, ob dieser so nett sei, fünf solcher Schränke zu besorgen und so rasch wie möglich nach Heidelberg liefern zu lassen - und er möge nicht vergessen, einen fünundzwanzigprozentigen Rabatt zu erbitten. Gleich zwei Tage nachdem Speer ihn verlassen hatte, schrieb Wolters seinem Dortmunder Lieferanten einen Brief, um dieser zufälligen letzten Bitte seines abgefahrenen Gastes nachzukommen. Später dachte er:

 

 

'Schon beim ersten, noch fröhlichen Wiedersehen ... wußte ich unterschwellig - die Freundschaft der Spandauer Jahre hatte ihr Ende erreicht. Ich sah ihn, der wieder leibhaftig vor mir stand, plötzlich ganz anders als in der Spandauer Entfernung. Es ging mir ähnlich wie ihm seinerzeit mit Hitler, als er diesem nach langer Krankheit wieder begegnete ...' (ZITIERT NACH SERENY, S. 772) FUßNOTE (5)

 

 

Wie der Herr, so der Diener. So, wie 1944 Speer war und zu Hitler wurde, so wurde Wolters nunmehr, 1966, zu Speer: Der einst engstirnige Loyalist als gebender Teil einer einseitigen Freundschaft, der nach langer Trennung einer bitteren Ernüchterung/Desillusionierung des Wiedersehens erlegen war. Falls Speer jemals gute Freunde gehabt hätte, dann wäre Wolters bestimmt einer davon gewesen; Speer hatte sich nun als Wolters' unerwiderte Liebe entpuppt, trotzdem sollte diese unerbittliche und gedankenlose Gleichgültigkeit noch weitere fünf Jahre lang nicht zur endgültigen Zurückweisung führen. Als es dann dazu kam, war es umso schlimmer. Wie dem auch sei, nach der Abreise seines metaphorischen/bildlichen 'Vaters' konnte Wolters nicht umhin, auch nur eine einzige Nacht verstreichen zu lassen, ehe er Marion nicht ein Rundschreiben an all jene außenstehenden Mitglieder des Netzwerkes diktiert hatte, die dem ehemaligen Reichsminister während der Spandauer Zeit die Treue gehalten hatten.

 

 

Als nächstes fuhr Speer zu einer langen Besprechung mit Dr. Walter Rohland nach Ratingen im Ruhrgebiet. Rohland, der im Krieg sein für den Panzerbau zuständiger Spitzenmann gewesen war, schrieb kurz darauf an Wolters: 'Ich hatte (während des Besuchs) (ECKIG) häufig das Gefühl, daß es zu viel für den Heimkehrer war. Nichtsdestotrotz hat er es gut überstanden.' (! ÜBERSETZT !) Bei der Abfahrt von Rohland, am 20. Oktober, gab Speer zwei separate Briefe an Wolters und dessen Frau auf, worin er sich für deren Gastfreundschaft bedankte: Die Tage in Coesfeld seien 'unvergeßlich' und 'wunderbar harmonisch' gewesen, teilte er Erika Wolters mit, nach seinen ausschließlich im Kreise der Familie verbrachten zwei Wochen in Schleswig-Holstein, ein entzückender Start ins reale Leben. Von Ratingen aus fuhr er Richtung Süden weiter, zum Hause seiner Eltern, im Heidelberger Schloss-Wolfsbrunnenweg.

 

 

Nachdem er dort, am Abhang, von wo aus man einen schönen Blick auf Deutschlands Hauptstadt der Intellektuellen hatte, erst einmal eingerichtet war, machte er sich unverzüglich daran, in eine Korrespondenz mit der Außenwelt einzutreten, die nach und nach riesige Ausmaße annehmen und in der so gut wie niemand zurückgewiesen werden sollte. Da er sich dank des vielen Lesens und Schreibens im Gefängnis seinen gesunden Verstand und seine Wissenskraft hatte bewahren können, und da er anschließend so endgültig daran gescheitert war, mit seiner Familie zurecht zu kommen, wurde die Schreiberei von nun an alles, wofür und womit er lebte, sei es als Autor oder als unermüdlicher Briefpartner von Hinz und Kunz. Einer der ersten Adressaten war Wolf Jobst Siedler, der Verleger seiner Wahl. Er schlug Siedler vor, nach Berlin zu fahren, um die Vertragsbedingungen für seine Memoiren abzuklären. Siedler erbot sich auch, nach Heidelberg zu fahren, doch Speer bestand darauf, noch vor Ende desjenigen Monats, in dessen ersten Minuten er Spandau verlassen hatte, nach Berlin zurückzukommen.

 

 

Siedler, als Speer herauskam gerade erst vierzig Jahre alt geworden und bereits eine Autorität in der deutschen Verlagswelt, erzählte mir, er habe sich seit 1964 auf dieses Treffen gefreut. Im Frühjahr jenen Jahres hatte er via/über Margret nämlich an Hilde geschrieben und sein Interesse an Speers Memoiren bekundet; anschließend war er mit ihr zusammen in ein schickes Westberliner Restaurant Essen gegangen. 'Ich hatte keine Sympathie für seine Vergangenheit', sagte Siedler, 'Ich war selbst ein 'Opfer' der Nazis. Aber ich empfand etwas Sympathie für ihn als Person und für seine schwierige Lage, ebenso wie für seine Abschlußrede in Nürnberg.' (! ÜBERSETZT !) Siedler war auch von jener zentralen Frage fasziniert, die sich jeder Mensch zum Thema Speer stellte: Wie jemand mit diesem Hintergrund und diesen Begabungen 'sich mit solchen Verbrechern einlassen' konnte.

 

 

Nachdem er von Hilde gehört hatte, daß mehrere Dutzend Verleger an ihn herangetreten waren, darunter einige der mächtigsten aus Amerika und Europa, schrieb Siedler Speer kurz vor dessen Entlassung einen zweiten Brief, und erklärte, daß er nicht an einer bloß persönlichen Apologie interessiert sei. Auch verspüre er keine Lust, bei einer Versteigerung/Auktion der Verlagsrechte für die Memoiren mitzubieten, die er in Ullsteins künstlerischem Imprintverlag Propyläen herausbringen wollte.

 

 

'Er bestand darauf, zu mir zu kommen, wobei er auf seine aristokratische, altmodische Weise sagte, daß er immer gemeint habe, ein werdender Autor suche seinen Verleger auf und nicht umgekehrt. Als wir uns trafen, redete ich ihn mit Professor Speer an und er verbesserte mich, indem er sagte, er habe den Titel, der ihm von Hitler verliehen worden sei, schon lange wieder abgelegt.' (! ÜBERSETZT !)

 

 

Der Verleger speiste und konferierte mit seinem zukünftigen Autor in demselben exklusiven Restaurant, wie zuvor mit dessen Tochter Hilde. Die Unterhaltung verlief so erfolgreich, daß Siedler ihm den Vertragsentwurf an den Tisch bringen ließ, anstatt mit seinem Gast zum Verlag zu fahren. Man einigte sich auf eine bescheidene Vorauszahlung, mit deren Hilfe Speer sich während des Schreibens/Schreibprozesses über Wasser halten konnte. Das Honorar für die gebundene Ausgabe sollte zehn Prozent für die ersten 50.000 Stück betragen, elf Prozent bis 100.000 und zwölf bis zum 200.000sten Exemplar (dies war weit davon entfernt, zu optimistisch zu sein). Speer vertraute dem Verleger in jedem Punkt blind. Und als Siedler vorschlug, Speer könne sich, um seine Arbeit zu beginnen, nach einem ruhigen Ort zurückziehen, war er verblüfft, zu hören, daß bereits '10.000 Seiten' vorhanden seien/vorlägen.

 

 

Siedler regte auch an, Joachim Fest, Journalist und Verfasser der 1963 erschienenen THE FACE OF THE THIRD REICH, einer höchst einfühlsamen Analyse archetypischer Nazis (darunter Speer selbst), als historischen und redaktionellen Berater anzuheuern/hinzuzuziehen. Siedler wählte das Wort 'Lektor' für Fests Rolle. Auf diese Weise entstand das, worauf sich Wolters später mit dem aus dem Russischen entlehnten Begriff Troika (KURSIV) bezog, ein Gespann dreier Pferde, von denen Speer das 'Zugpferd' darstellte. In abseits gelegenen Orten der Schweiz, Italiens, Frankreichs und Bayerns arbeitete die Troika dann in langen, anstrengenden Sitzungen den Berg von Rohmaterial durch und um. Speer brachte seine Entwürfe ein, ließ sich beraten und fuhr nach Heidelberg zurück. 'Fest und ich waren die Geburtshelfer' (! ÜBERSETZT !), sagte Siedler. Die daraus entstandenen Erinnerungen (KURSIV) erschienen 1969, nach weniger als drei Jahren. Dasselbe Triumvirat arbeitete auch am darauffolgenden Fortsetzungsband zusammen, der auf den Spandauer Tagebüchern Speers basierte und sechs Jahre später erschien.

 

 

Die beiden Geburtshelfer mußten ganz schön schuften. Speer hatte seinem Abschied von Hitler am 23. April 1945 gerade mal eine einzige Seite gewidmet. Siedlers begründeter Ansicht nach war dies vollkommen unangemessen für eine Szene, in welcher der Autor einem Mann Lebewohl sagt, der ihn in solche Höhen gehievt und ihm die größten Tage seines Lebens verschafft hatte. 'Ich dachte, es müßte die dramatischste Szene des ganzen Buches sein.' Die Hebammen entwickelten eine sokratische Technik endloser Befragungen, die dem Zweck dienten, Speer ein Wissen zu entlocken, das er gar nicht zu besitzen glaubte. Siedler riet ihm davon ab, 'sich alle zehn Seiten selbst zu verdammen; zwei oder drei im ganzen Buch würden ausreichen.' Ironischerweise war es der amerikanische Verlag Macmillan in New York, der noch eine Extraportion Gärungs-/Treibmittel für jene Selbstbezichtigungen verlangte, wie sie über das ganze Buch verstreut sind. Das Ergebnis ist unwahr und salbungsvoll.

 

 

Fest, dessen größtes Werk, seine Hitler-Biographie (nach wie vor an keinem einzigen Deutschen vorübergegangen), 1971 erscheinen sollte, erzählte mir, daß seine

 

'Hauptaufgabe darin bestand, zu streichen. Ich tat dies durch Markieren des ersten Entwurfs, wobei ich das Wesentliche unterstrich, unter das weniger wichtige eine gestrichelte Linie zog und die Schlacke unmarkiert ließ.' (! ÜBERSETZT !)

 

Das erste getippte Manuskript belief sich auf ungefähr 1.600 bis 1.800 Seiten, das zweite auf 1.200 und das dritte auf 700.

 

'Dann machte ich mich daran, das Deutsch zu redigieren und zu bereinigen. Ich schlug auch Ergänzungen vor, wie etwa die Reichskristallnacht, die er gänzlich ausgelassen hatte, sowie eine Menge anderer Themen.' (! ÜBERSETZT !)

 

Fest war damals durch die Tatsache irritiert, daß Speer dem Pogrom von 1938 - dessen Epizentrum Berlin war, wo er seinerzeit lebte - offensichtlich keinerlei Bedeutung beimaß. Kaum verwunderlich, daß die eingefügte Passage, trotz bester Beratung durch Fest, völlig falsch klingt: Der Autor war offenkundig desinteressiert und gab mit ihrer Einfügung ein Lippenbekenntnis ab. Im Nachhinein sind wir nun in der Lage, eine psychologische Verweigerungshaltung zu konstatieren. Speer verdrängte seine Exmittierung der Juden aus Berlin, wie in vorliegendem Buch deutlich gemacht wurde, ganz bewußt. Und in diesem Licht erscheint es nur allzu natürlich, daß er instinktiv einen der Haupthinweise auf die eskalierende Judenverfolgung übergeht, in der er selbst schon früh eine Schlüsselrolle spielte.

 

 

Herr Fest, der weiter geht als Sebastian Haffner in seinem Observer (KURSIV) -Artikel vom April 1944, hatte Speer in seinem durchdachten, wenn auch etwas zu nachsichtigen, 1963 erschienenen, Porträt als die Quintessenz des 'amoralischen Technokraten' präsentiert. Mir einen Gefallen erweisend und sich Speer dreißig Jahre später wieder als Schriftsteller ins Gedächtnis rufend, sagte Fest:

 

 

'Er konnte nicht besonders schreiben, verstand es aber, einen Bericht mit allen wichtigen Fakten zu erstellen. Das machte er gut. Er war in der Lage, seine Erinnerungen abzurufen, wenn man ihn darum bat, und dann war es mit ein wenig Redigieren sehr zufriedenstellend. Ich mußte ihn oft bitten, mehr über den Genozid an den Juden zu schreiben. Ich glaube, er hatte sein Gedächtnis dagegen verschlossen. Ich sagte ihm mehrere Male, daß er etwas sagen müsse beziehungsweise mehr sagen müsse, oder sagen müsse, was er gedacht habe, oder, wenn er damals nicht darüber nachgedacht habe, dies zu sagen.' (! ÜBERSETZT !)

 

Im Laufe einer langen Diskussion über Speer erinnerte sich Fest spontan an dessen charmante private Art.

 

'Er war wirklich charmant und auch schüchtern, oder menschenscheu. Ich glaube, er hat auch Hitler bezaubert, obwohl er dafür einen hohen Preis zahlen mußte.' (! ÜBERSETZT !)

 

Speer habe, so Fest, den englischen Ausdruck 'Everybody's Darling' gebraucht. Er habe das ganze Phänomen des Dritten Reichs 'und all diese Verbrecher' unbeschadet ertragen,

 

 

'aber er war ein Künstler, und Künstler sind jedem zugeneigt, der ihnen die Ausübung ihrer Kunst ermöglicht. Hitlers Angebot war für den jungen Architekten unwiderstehlich. In dieser Hinsicht sind Künstler geradezu prädestiniert, korrupt zu werden. Doch Speers Leben fand nie wieder von dem Weg zurück, den er in seinen Endzwanzigern eingeschlagen hatte. Er wurde die Last seiner Vergangenheit nie mehr los, und ich finde, es umwehte ihn immer ein Hauch von Melancholie.' (! ÜBERSETZT !)

 

 

Speers Tochter, Dr. Hilde Schramm, vertrat den Standpunkt, beide, Siedler und Fest, hätten ihre Funktion bei der Vorbereitung ihres Vaters Memoiren übertrieben: 'Er hat die ganze schwere Arbeit geleistet', sagte sie zu mir. Er hatte sie gebeten, ihre Meinung zu Teilen des Entwurfs abzugeben, doch das widerstrebte ihr und sie half nicht viel. 'Er hätte es gerne gesehen, wenn ich weitergemacht hätte, aber das tat ich nicht. Ich hatte mein eigenes Leben zu führen.' Herr Fest sah in Hilde das stärkste und das am wenigsten von Repressionen beeinflußte Kind Albert Speers, vertrat jedoch die Ansicht, daß sie durch die 'Wiedergutmachung' für ihren Vater eine radikale politische Richtung eingeschlagen habe (bei zwei erfolgreichen Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus (STATE LEGISLATUR) erzielte sie ein Mandat für die mit den Grünen verbündete Alternative Liste). Hätte ich die Chance bekommen, ihr diese 'These' zu unterbreiten, ich bin sicher, sie wäre explodiert; aber sie gab mir unmißverständlich zu verstehen, daß ein zweites Interview über ihren Vater nicht zur Debatte stünde (das erste war nicht gerade umwerfend gewesen). Daß sie Siedlers und Fests Bedeutung für den Erfolg der veröffentlichten Erinnerungen und Tagebücher ihres Vaters unterschätzte, beweist die miserable Qualität seines dritten Buches, wo es um das Wirtschaftsimperium der SS geht (obwohl, wie sich noch herausstellen wird, Gitta Sereny eine andere Theorie zur augenscheinlichen Minderwertigkeit dieses Buches vertritt). Hildes Beteuerungen mir gegenüber, man habe es in erster Linie für Fachleute und nicht für den durchschnittlichen Leser geschrieben, ändert nichts an der Tatsache, daß Der Sklavenstaat (2x KURSIV) unlesbar daherkommt.

 

 

Wir werden auf dieses letzte Buch zu gegebener Zeit noch eingehen. Vorerst jedoch wollen wir das Thema von Fests zweifellos schwieriger Rolle als Speers Lektor von 1966 bis 1975 nicht fallenlassen, ohne eine andere wichtige Auffassung zur Kenntnis genommen zu haben. Joachim Fest, viele Jahre lang Chefredakteur der erzkonservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3x KURSIV), vertritt in kulturellen und geschichtlichen Dingen eine humanliberale (HUMAN LIBERAL) Position; seine, seit 1963 unveränderte, Einschätzung Speers ist fair, durchdacht und sogar nachsichtig wohlwollend. Nichtsdestotrotz kritisierte Wolters seinen Einfluß aufs Schärfste: Speer, weit davon entfernt, sich den Rat seines 'besten Freundes', dem er sein Buch ursprünglich hatte widmen wollen, zunutze zu machen, 'unterwarf sich den eindringlichen Fragen von Herrn Fest, jenem Vertreter der gegenwärtig in Mode gekommenen veröffentlichten Meinung.' (! ÜBERSETZT !)

 

 

Die Erinnerungen (KURSIV), die er peu peu, so wie sie aus Spandau herauskamen, gelesen hatte, enthielten sowohl positive als auch negative Darstellungen der Hitler-Zeit; 'post-Festum' seien alle positiven Urteile durch ein 'Ja, aber...' relativiert worden. Das Wortspiel 'post Festum' hatte Wolters von dem juristischen Ausdruck post factum (2x KURSIV) abgeleitet. In dem langen Brief von 1971 an Hermann Giesler, Speers ehemaligen Architektur-Rivalen, von dem obige Passage stammt, verwendet er ihn gleich mehrmals FUßNOTE (6): Die Arien (KURSIV) hatten Speers 'Verantwortung' für die Nazivergangenheit deutlich gemacht, doch die Erinnerungen (KURSIV) sprachen post Festum sogar von 'Schuld'. (Wie wir gesehen haben, ist die aufdringlich häufige Verwendung des brustklopfenden mea culpas (2x KURSIV) nicht Fest, sondern Speers New Yorker Verleger zu verdanken, aber Wolters vertrat ja sogar den unerschütterlichen Standpunkt, daß es eigentlich/im Prinzip nichts gab, wofür Speer sich schuldig bekennen müßte.)

 

 

 

Am 14. November 1966, sechs Wochen nach seiner Freilassung, kam Speer im Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel (2x KURSIV) 'groß raus', wenn auch nicht gerade als Schriftsteller, so doch als hochrangige Insiderquelle für Hitlers Herrschaft über das Dritte Reich und das Innenleben seines Hofstaates. Damit legte Speer den Grundstein zu seiner zukünftigen Rolle als führender deutscher Guru der Geschichte der Nazis. Der Spiegel (2x KURSIV) ist Deutschlands Antwort auf das amerikanische Time magazine (2x KURSIV): Wo das US-amerikanische Periodikum einen roten Rahmen um sein Cover zieht, bevorzugt das deutsche einen orangefarbenen. Auch in punkto Wichtigtuerei nehmen sich die beiden nicht viel. Die Hamburger Zeitschrift besitzt ihren eigenen deutschen Dialekt, gewunden, selbstbewußt trendy, abgehackt und fast so blasiert wie der englische Economist (KURSIV). Sie hat sich auf Allwissenheit spezialisiert und auf Hintergrundreportagen zu den kapitalen Ereignissen, besitzt einen riesigen Mitarbeiterstab, ein enormes Redaktionsbudget und serviert seinen Lesern eine strenge Diät von Exklusivstories und gutem altem/altmodischem, furchtlosen investigativen Journalismus - Stärken, die, das muß gesagt werden, ihre Schwächen allemal/bei weitem aufwiegen. Der Spiegel (KURSIV) kann Regierungen stürzen, tut es auch, und macht dann oftmals seine eigenen Schlagzeilen, indem er darüber berichtet.

 

 

Aber das sensationelle Spiegel-Interview mit dem frisch entlassenen Nazi-Kriegsverbrecher Albert Speer, einundsechzig, war nur deshalb sensationell, weil es exklusiv war. Es entspricht der klassischen Spiegel (KURSIV) -Mischung aus journalistischem 'Sich Kneifen' und Medienarroganz. Es fand im Heidelberger Haus im Beisein eines großen Kassettenrecorders statt und entsprach der Form eines typischen Spiegel-Gesprächs (KURSIV), also einem sehr langen, sehr ausführlichen und sehr ermüdenden Frage-und-Antwort-Artikel, der sich über achtzehn Textspalten erstreckte. Diese Form ist für den Journalismus das, was die Wäscherei für die Poesie ist: Sie befreit den Reporter von solch anstrengenden Hausaufgaben, wie zum Beispiel das Trennen von Spreu und Weizen, die Ausarbeitung der für den Leser informativsten Darstellungsweise sowie das Hinzufügen signifikanter Hintergrundinformationen wie Stimmung, Ton, Körpersprache und Atmosphäre. Dieser ganze wichtige Stoff wird in einem kleinen Extra-Kasten (SIDEBAR-REPORT??) abgehandelt. Alles, was der Reporter bei einem Frage-und-Antwort-Artikel zu tun hat, ist, das Band abzutippen und Wiederholungen, nachlässige Syntax sowie abgebrochene Sätze herauszustreichen; alles, was der Redakteur tun muß, ist, Rechtschreibung und Interpunktion zu überprüfen. Die Reporter (gewöhnlich sind mindestens zwei anwesend, die dann im Heft am Beginn einer jeden Frage kollektiv zum 'Spiegel' stilisiert werden) können sich selbst bequem als diejenigen präsentieren, auf deren Konto alle Pluspunkte des Beitrags gehen, tragen jedoch keinerlei Verantwortung für ausweichende oder irreführende Antworten - selbst wenn sie wissen, daß der Interviewpartner nicht die Wahrheit sagt beziehungsweise sich ihr nicht stellt; eine Tatsache, auf die der Leser, der es noch nicht weiß, bei diesem journalistischen Prinzip auch nicht hingewiesen werden darf. Und nachdem sie sich auf diese Weise der Verantwortung entledigt haben, erfolgt bei jeder dieser Übungen stets der gleiche Abschluß, indem sie sich selbst mit der auf die Palme bringenden Floskel 'Herr Speer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch' das letzt Wort erteilen.

 

 

Die Sensation, die sich für das Blatt durch die Wucht (IMPACT) und die aus den Abdrucken resultierende freie Publicity auf der ganzen Welt mit jedem Pfennig der 50.000 Mark bezahlt gemacht hat, liegt eher am Umstand an sich, als am Inhalt der Befragung, die durch und durch alltäglich war; aber wenn man sich den Charakter des Befragten vergegenwärtigt, wäre auch nicht viel mehr zu erwarten gewesen. Das Bemerkenswerteste dabei ist, aus einer dreißig Jahre späteren Perspektive betrachtet, wie groß die Übereinstimmung war - und zwar nicht bloß mit Speers Verteidigung in Nürnberg, sondern auch mit allem, was er später in Veröffentlichungen und in der Öffentlichkeit schreiben und sagen sollte.

 

 

Wolters las das Interview und erteilte Speer in einem auf den 30. November datierten Brief eine Rüge. Er habe die sich durch die Fragen offenbarende Agenda der Spiegel (KURSIV) -Journalisten einfach so hingenommen und sei mit seinen Antworten exakt auf dieselbe Linie eingeschwenkt, die derzeit in Westdeutschland zum Dritten Reich gelehrt werde, beklagte sich Wolters. Hitler mehr Schuld am Krieg zuzuschieben als dem deutschen Volk, sei in doppelter Hinsicht falsch, schrieb er weiter, zum einen, weil Deutschland hinter ihm gestanden habe, zum zweiten, weil andere, etwa die Polen mit ihrer Provokation und die Engländer, indem sie die Polen-Invasion zu einen Weltkonflikt ausdehnten, ebenfalls verantwortlich gewesen seien. Und ebenso die Russen und die Amerikaner, weil die Wurzeln des Konflikts schließlich und endlich bis auf Versailles ins Neunzehnte Jahrhundert zurückgingen. Wolters ersuchte Speer dringend, sich 'vollständig auf das zu konzentrieren, was wirklich passiert ist und das, was die Welt heute davon denkt, beiseite zu lassen'.

 

 

Das Hauptmotiv der Selbsterhaltung in Nürnberg außer Acht lassend, stand hinter seiner Akzeptanz der kollektiven Verantwortung die erklärte Absicht, die Deutschen vor der schwer lastenden Schuld an der Existenz Hitlers zu bewahren/schützen. Wolters weist in diesem Brief verbittert darauf hin, daß Hitler wahrhaftig zum Teufel gestempelt worden sei - 'die Basis (westdeutscher) Außenpolitik' - und jene, die für ihn gearbeitet haben, würden dämonisiert als 'des Teufels Generäle, des Teufels Ärzte, des Teufels Architekten etc.'; daß jedoch Teufel und Unterteufel immer noch Deutsche seien, habe die Sieger veranlaßt, alle Deutschen kollektiv für Hitler verantwortlich zu machen. Als eine doppelte Verallgemeinerung, ob sie nun auf die Deutschen, auf die Sieger oder auf beide zutrifft, ist das nicht zu leugnen. Wolters schloß mit der Hoffnung ab, daß Speers veröffentlichte Memoiren ein 'richtigeres und breiteres Bild von der Vergangenheit' zeichnen würden - doch der Leser spürt: Wolters wußte bereits, daß sie nichts dergleichen tun würden. FUßNOTE (7)

 

 

Speer antwortete nicht, nahm aber während der Phase, da er seine Erinnerungen zu einem Buch verarbeitete, weiterhin Wolters Dienste in Anspruch. Im Januar 1967 kam er noch einmal kurz nach Coesfeld, als Wolters inter alia (2x KURSIV) eine Wiedervereinigung mit Manfred von Poser, zum Kriegsende Speers hochgeschätzter Verbindungsoffizier, anstrengte; es wurden ihm auch ein paar von Wolters' Freunden in Portugal vorgestellt, wo er sich für eine Weile aufhielt und arbeitete.

 

 

Genau zur rechten Zeit erschien 1968 Gregor Janssens aus seiner Doktorarbeit hervorgegangenes Buch; für einen Sonderdruck davon hatte Wolters 500 Mark bezahlt. 'Das Ministerium Speer. Deutschlands Rüstung im Krieg' ist und bleibt die gründlichste publizierte Untersuchung, was die deutsche Kriegswirtschaft anbelangt, und eine unentbehrliche Quelle, mehr als Zilberts 1981 erschiener Versuch (siehe Bibliographie). Es war kein Bestseller, bei weitem nicht; aber es war ein nützlicher Vorläufer zu Speers eigenen Erinnerungen (KURSIV), die im September 1969 erschienen.

 

 

Ein frühes Zeichen für deren phantastisches Potential stellte die Summe von 680.000 Mark dar, die Die Welt (2x KURSIV), das traditionsreiche, verlustmachende Flaggschiff des Springer-Imperiums, für die Rechte eines Serienabdrucks bezahlte. Das Timing war zufälligerweise fast perfekt. Westdeutschland befand sich auf dem Höhepunkt jenes Wahlkampfes, der die Folge von christdemokratisch geführten Mitte-Rechts-Regierungen beenden sollte - und zwar zum ersten Mal seit zwanzig Jahren deutscher Nachkriegsdemokratie: Am 21. Oktober wurde Willy Brandt Deutschlands erster sozialdemokratischer Nachkriegskanzler. Es hatte in Deutschland eine lange Reihe von großen Nazi-Prozessen gegeben (die auch noch einige Jahre fortdauern/anhalten sollten). Die Kriegsgeneration ging nun allmählich in Rente und ihre Kinder erreichten die Blüte ihres Lebens. Und ein Vierteljahrhundert nach Deutschlands schwärzester Stunde waren die Vertreter beider Generationen bereit, nachzulesen, was unter Hitler 'wirklich' passiert war.

 

 

Ein Buch, geschrieben von jemandem, der durch seine Stellung am besten wissen mußte, was wirklich stattgefunden hatte. Ein Buch, das Hitler und dessen führende Gefolgsleute (einschließlich des Autors) für Deutschlands Niederlage und beschämende Vergangenheit verantwortlich machte. Für zahlreiche Leser hatte es einen beinahe kathartischen Effekt, und die Verkaufszahlen erreichten bald die Millionenmarke. Doch viele ältere, konservativere Leser sahen in Speers Memoiren einen doppelten Betrug: Einen Betrug Hitlers durch seinen ehemaligen Favoriten, und einen Betrug ihrer selbst, als loyale Deutsche, die sich nun von einem Deutschen, der selbst im Zentrum der Macht gestanden hatte, sagen lassen mußten, sie hätten die Anordnungen eines Verbrechers befolgt. Diese Menschen sollten mit dem Glauben ins Grab gehen, daß sowohl die wenigen Deutschen, die Hitler vor seinem Tod bekämpft hatten, als auch jene vielen, die hinterher schlecht über ihn redeten, Verräter seien. Der Mann, der jetzt den Kanzlerstuhl besetzte, Willy Brandt, war von solchen Leuten besonders gehaßt; die Heftigkeit dieses Gefühls wird durch das Fauchen eines Vertreters des rechten Bundestagflügels illustriert, der Brandt mit 'Herr Major' anredete - ein Bezug auf die Tatsache, daß er nach zwölf Jahren in der Uniform eines norwegischen Armee-Majors aus dem politischen Exil zurückgekehrt war, um für die Osloer Presse über die Nürnberger Gerichtsverhandlungen zu berichten.

 

 

Speers Mitarbeiter im Krieg hatten sich größtenteils entfremdet, wenngleich Wolters die Beziehung (zu dieser Zeit konnte man sie schon kaum noch als Freundschaft bezeichnen) auch noch eine Weile verbissen aufrecht erhielt. Auf die Nachricht von Margret im November 1969, daß Speer in einigen Tagen noch einmal kurz nach Coesfeld fahren wolle, beendete Wolters eilig eine Kritik zu den Erinnerungen (KURSIV), an der er gearbeitet hatte, und schickte sie am 14. November nach Heidelberg. Diese Sendung war mit einem ebenso zynischen wie traurigen Begleitschreiben versehen, in dem zu lesen stand, daß er, Wolters, durchaus Verständnis dafür habe, wenn Speer nunmehr einer dringenderen Verpflichtung nachgehen und nicht kommen könne; er würde sich dennoch/hingegen glücklich schätzen, ihn am Buß- und Bettag als seinen Gast begrüßen zu dürfen. Aus der Kritik gehen genaue Einzelheiten über Wolters' Abneigung gegen das 1966 abgedruckte Spiegel (KURSIV) -Interview hervor. Daß er Speers offenkundig widerwillige Bereitschaft respektierte, in seinem Buch - sowie nach dessen Erscheinen auch im Fernsehen - seine Schuld und nicht bloß, wie in Nürnberg, seine Verantwortung einzugestehen, ändere nichts an der Ablehnung jener Position, die Speer nach ihrer vierzigjährigen Freundschaft eingenommen habe:

 

 

'Wenn man Dein Buch zu Ende durchgelesen hat, dann ist man zu dem Schluß verführt, der Autor würde nunmehr, mit einem härenen Gewand bekleidet, als Prediger durch die Lande ziehen, sein Vermögen unter die Opfer des Nazionalsozialismus verteilen, allen Eitelkeiten und Genüssen des Lebens entsagen und von Heuschrecken und wildem Honig leben. Dies ist offenkundig nicht der Fall.' (ZITIERT NACH SERENY, S.787)

 

 

Wolters klagte Speer an, dem Pragmatismus in seinen Memoiren das Wahrheitsprinzip zu opfern. Er habe dies bereits in den Briefen aus Spandau kommen sehen, seine Vorbehalte damals jedoch zurückgehalten. Nun stecke ihre Beziehung deswegen ganz schön in der Klemme (Wolters wählte den Begriff 'Schöne Beschehrung'). Speers Geständnis seiner eigenen Schwäche sei ausgesprochen entwaffnend und sehr verschieden von allen anderen Nachkriegs-Memoiren, sagte Wolters; es fehlte nicht viel und er hätte Speer der Heuchelei bezichtigt, weil dieser nicht bloß seine eigene Schuld eingestand, sondern auch viel schlimmere Sünden anderer Führungspersönlichkeiten des Dritten Reichs, wie er es mit beinahe religiöser Inbrunst in seinem Fernseh-Interview getan habe.

 

 

Besagtes Interview führte - in gemütlicher Atmosphäre, wie man annehmen möchte - niemand anderer als Joachim Fest, der damals als Fernsehmoderator/ansager arbeitete. Wolters teilte seine scharfe Meinung post Festum, am 11. November, Annemarie Kempf mit, Fest habe Speer Männchen machen lassen wie 'ein Dompteur in Freiheit dressiert'. Speer bewertete den Eindruck, den seine rebellischen Denkschriften/Memoranden am Ende des Krieges auf Hitler machten, bei weitem über; dazu ein Beispiel:

 

 

'Es gibt sicher keinen Zweifel, daß ein Pragmatist wie Albert sich selbst unter anderem systematisch für die Nachkriegsphase aufbaut. Niemand kann mich vom Gegenteil überzeugen; dafür kenne ich ihn zu gut.' (! ÜBERSETZT !) FUßNOTE (8)

 

 

 

Die Natur und der Inhalt von Speers Erinnerungen (KURSIV) werden innerhalb dieses Buches in der vorangehenden Kapitelübersicht Stück für Stück zusammengefaßt, deshalb erfolgt hier nur die notwendigste Beschreibung. Es handelt sich um einen gut 500 Seiten umfassenden umfangreichen Band. Das Werk besteht aus einem kurzen Vorwort, in dem der Autor verspricht, nach Möglichkeit ehrlich zu sein, fünfunddreißig angenehm knapp gehaltenen Kapiteln sowie einem knappen Nachwort, das ein paar Danksagungen enthält. Die Anmerkungen fallen mit einem Gesamtumfang von etwas mehr als vierzig Seiten lobenswert kurz aus und das Register ist insofern anmerkenswert, als es darauf verzichtet, die Mitglieder von Speers großer Familie - Frau, Eltern, Geschwister und Kinder - zu verzeichnen. Es verzeichnet elf Juden und sechzehn verurteilte Nazi-Verbrecher.

 

 

Die Hauptschwäche des Buches liegt in dem Widerspruch zwischen seiner intimen Kenntnis des Kerns nazionalsozialistischer Herrschaft, wie Bormann, die Doktoren Brandt und Goebbels, Himmler und Hitler selbst, auf der einen Seite, und dem offenen Ignorieren ihrer teuflischen Verbrechen auf der anderen. Diese Lücke vermag nicht kaschiert zu werden - weder durch das Zugeständnis der vorsätzlichen Versäumnis/Unterlassung sich zu informieren, noch durch die Bereitschaft, das Prinzip der Mitverantwortung in einer Führerschaft anzuerkennen, nostra maxima culpa (3x KURSIV), noch durch die nach Nürnberg eingeräumte Zugabe der Mit-Schuld (KURSIV) am Einsatz von Zwangsarbeitern. Dies alles wird dem wachsamen Leser allein schon durch die bloße Lektüre der Erinnerungen (KURSIV) auffallen. Aber die unbestreitbare Tatsache, daß Speer sich alle erdenkliche Mühe gab, seine persönliche (KURSIV) Schuld an der Vertreibung von Juden aus Berlin unter den Tisch fallen zu lassen, kam erst nach seinem Tod ans Licht, und stellt seine Behauptung, von den Kapitalverbrechen des Regimes nichts gewußt zu haben, (bei sehr wohlwollender Betrachtung) zumindest in Frage.

 

 

Heerscharen von ausgezeichneten Kritikern wurden rekrutiert, um ihre Meinung zu Speers Memoiren und damit einhergehend zu seiner Person selbst und seinem Platz innerhalb der Geschichte abzugeben. Die Frage war: Würden sie etwas zu ergänzen haben, beispielsweise zu der 1947 von Hugh Trever-Roper erfolgten Feststellung, Speer sei 'der wirkliche Verbrecher in Nazi-Deutschland' gewesen sei, schuldig eines besonders abscheulichen Beispiels des trahison des clercs (3x KURSIV) (aber was ist mit Dr. phil. Joseph Goebbels?)? Oder zu der freundlicheren Darstellung von Joachim Fest, mit seinem 1963 erschienenen Porträt des 'unmoralischen Technokraten', der sich selbst in 'unpolitische' Arbeit vergraben habe und zu spät aufgewacht sei? FUßNOTE (9)

 

 

Wenn Der Spiegel (2x KURSIV), das ultimative Nachrichtenmagazin der Nation, dafür zuständig ist, was Deutschland tut, dann ist das andere Hamburger Printmedium, nämlich Die Zeit (2x KURSIV), Europas führende Wochenzeitung der Intellektuellen, dafür zuständig, was Deutschland denkt. Ihre Meinung würde für das Schicksal des Buches insofern von immenser Bedeutung sein, da sie andere Kritiker weniger anspruchsvoller/abgehobener Publikationen beeinflussen würde und damit schließlich auch die Einstellung potentieller Leser, denen nicht einmal im Traum einfallen würde, Die Zeit (2x KURSIV) zu lesen. Ihr Kritiker, Waldemar Besson, fing damit an, die ersten Memoiren eines führenden Nazis als wahrhaftig lesbar und seriös in den Himmel zu loben. Speer präsentiere sich selbst als Hitlers Quasi-Freund, der sich in seine Arbeit vertieft, Politik ignoriert und der Technologie gedient habe. Aber, hakte Besson scharfsinnig/listig nach, war es nur die Technologie der Speer diente? Speer habe von der betäubenden Langeweile an Hitlers Tisch geschrieben, an dem er so viele Stunden verbracht hatte; weshalb sei er dort geblieben, wenn der andere große Techniker des Dritten Reichs, Fritz Todt, keine Notwendigkeit dazu verspürt habe? Es könne sich nur um Ehrgeiz gehandelt haben.

 

 

Erst in der Retrospektive machte Speer als Repräsentant der höheren technischen Intelligenz Werbung für sich selbst. Er weckte für sich selbst Sympathie, indem er konzedierte, die Bestrafung für seinen Dienst als Hitlers ranghöchster Bühnenbildner und Requisitenmeister sei gerecht gewesen.

 

 

'Am Ende der Memoiren steht da das Bild einer historischen Figur, die als Person hoffnungslos überbewertet, einer gefährlichen Versuchung erliegt ... Die moralische Bürde, die Albert Speer mit sich (herum)schleppt (ECKIG), ist groß und er versucht nicht, sie abzuschütteln ... Als historische Quelle und literarisches Testament stehen seine Memoiren weit über dem Durchschnitt.' (! ÜBERSETZT !)

 

 

Wenn Autor und Verleger angesichts dieser ausgewogenen doch am Ende in den wesentlichen Punkten stark sympathisierenden Rezension nicht den Champagnerkorken knallen ließen, dann hätten sie jedenfalls allen Grund dazu gehabt. FUßNOTE (10)

 

 

Golo Mann, einer der führenden deutschen Nachkriegshistoriker, rezensierte das Buch für die Münchner Süddeutsche Zeitung (2x KURSIV), Deutschlands bestgeschriebene und gehaltvollste Tageszeitung. Er vertrat den Standpunkt, es handele sich um die von allen Nazi-Memoiren am besten lesbare, brachte jedoch keine Sympathie für den Verfasser als Person auf. Unter der Überschrift 'Des Teufels Architekt' sagte er, daß Speer glaube, er habe sein altes Ego 'des ehrgeizigen, arroganten Halbstarken, trunken durch Arbeit, Ruhm und Macht' (! ÜBERSETZT !) durch ein neues ersetzt; und dieses neue Ego habe ihn in die Lage versetzt, seine alte Persönlichkeit objektiv zu analysieren. Mann merkte dazu scharfzüngig an:

 

'Viel Selbstkritik, (aber) an Gewissensbissen, im christlichen Sinn des Wortes (5x KURSIV), so gut wie nichts; vielleicht findet er das unmännlich.' (! ÜBERSETZT !)

 

Die ganze Geschichte sei eintönig heruntergeleiert.

 

'Zur Ermordung der Juden sagt er unverblümt, "Ich habe keine Entschuldigung." Er wußte alles darüber; genauer gesagt, er hatte eine Ahnung und könnte und sollte alles darüber gewußt haben.' (! ÜBERSETZT !)

 

 

Sein Freund, Gauleiter Hanke, habe beschrieben, wie Auschwitz ihn ergriffen hatte, aber

 

'Speer stellte keine Fragen; was die deutschen Eroberer in Rußland taten, erwähnt er in einem Satz, den Schrecken in Polen und anderswo gar nicht - und nennt sich immer noch "der zweite Mann im Staat" (9x KURSIV) (HERVORHEBUNG DURCH DEN AUTOR)' (! ÜBERSETZT !)

 

Diese eindringliche Analyse erschien zur gleichen Zeit wie die Erinnerungen (KURSIV) (und war von schier endloser/unglaulicher Länge, das ist der Fluch des deutschen Intellektuellen-Journalismus; sie wäre bei der halben Anzahl von Wörtern doppelt so vernichtend ausgefallen). Ironischerweise hatten viele von Manns kritischen Bemerkungen über Speers selektives Gedächtnis, seine Zwiegespaltenheit hinsichtlich der Person Hitlers und seinen blinden Gehorsam bis kurz vor Schluß, den Effekt, daß sie bei seinen älteren und konservativeren Lesern genau den richtigen Nerv trafen. Diese Menschen sahen sich nämlich veranlaßt, loszugehen und das zu kaufen, was sogar diese feindselige Kritik als 'eines der Höhepunkte politischer Memoiren-Literatur ... ein extrem informatives Buch' (! ÜBERSETZT !) betrachtete. FUßNOTE (11)

 

 

 

Speer hatte beabsichtigt, das Buch seiner Familie und Dr. Wolters, dem Freund, Chronisten und Agenten während seines Gefängnisaufenthalts, zu widmen, wollte dann jedoch weder anstößig noch zu sein und verzichtete gänzlich auf eine Widmung. Wolters nahm ihm das gar nicht so übel, ja nicht einmal, daß er innerhalb des Textkorpus mit keinem Wort erwähnt wurde. Was er ihm jedoch übel nahm, war, daß Speer es ablehnte, seinen Rat zum Stil des Buches anzunehmen - insbesondere, wie wir gesehen haben, was den 'gregorianischen mea culpa (2x KURSIV) -Gesang' anbelangt. Nachdem Speer jedenfalls die Schuld, in der er bei Wolters stand, offen gelassen hatte, brachte er sich und den unbesungenen Freund bei der Fertigstellung seines Manuskripts auch noch achtlos in Gefahr. Er hatte in einem Privatzimmer des Bundesarchivs ein bißchen recherchiert und seine Erinnerungen (KURSIV) mit den öffentlich einsehbaren Akten verglichen. Im Juli 1969, zwei Monate bevor die Ergebnisse publiziert wurden, schnürte er seine Kopie der Chronik zu einem Paket zusammen und schickte sie am 28. Juli 1969 zusammen mit einem Begleitschreiben an den Direktor des Bundesarchivs, Dr. Wolfgang Mommsen (nicht zu verwechseln mit Ernst Wolf Mommsen, Speers Industriellen-Freund). Wie jedoch bereits festgestellt wurde, hatte Wolters diese Kopie bereinigt und ihn bei der Übergabe im Oktober 1966 nachdrücklich auf diese Tatsache hingewiesen:

 

 

'Unglücklicherweise hatte Speer nichts Dringlicheres zu tun, als dieses Material - nach deutschem Nachkriegsbrauch - an Herrn Mommsen, den Präsidenten des Bundesarchivs in Koblenz, weiterzuleiten, ohne mir zuvor ein Wort davon zu sagen.' (! ÜBERSETZT ! - ANGEBL. HAT KOLF BZW. BAUDISCH ORIGINAL-ZITAT!) FUßNOTE (12).

 

 

Mommsen schickte sein Dankschreiben am 19. August und erklärte sich mit den von Speer verfügten Einschränkungen hinsichtlich ihrer Verwendung (nur für seriöse Historiker) einverstanden, richtete aber verständlicherweise auch eine Bitte an ihn:

 

 

'Ich würde es begrüßen, wenn Sie durch ein Gespräch mit ihrem früheren Mitarbeiter, Dr. Wolters, erreichen könnten, daß dieser dem Bundesarchiv das in seinem Besitz befindliche Original der oben angeführten Chronik ganz oder wenigstens vorübergehend zum Vergleich mit der vorliegenden Abschrift überläßt.' (ZITIERT NACH KOPIE VON BAUDISCH)

 

 

Mommsen wußte, daß der englische Historiker David Irving die 1943er Chronik entdeckt hatte, denn letzterer zitiert sie in seinem 1966 erschienenen Buch über Hitlers 'Zauberwaffen' und hatte Koblenz eine Kopie zukommen lassen. Speer stellte Erkundigungen an und schickte Wolters schließlich Auszüge des oben zitierten Briefes - zusammen mit einem auf den 3. Januar 1970 datierten panischen eigenen. Speer hatte den Brief in einem Hotel in Selva di Val Gardena im italienischen Südtirol geschrieben, wo er mit Margret, deren Freundin, Wolters Frau Erika, seinem Sohn Arnold sowie dessen Frau und Kindern in den Ferien gewesen war. Er scheint ihre Korrespondenz über Irvings Fund schon vor seiner Entlassung im Jahre 1966 (wie bereits erwähnt) vergessen zu haben:

 

 

'Nun haben wir also die Beschehrung: In London haben sie beim Durchstöbern der Archive einen Jahrgang der Chronik gefunden. Sie suchen eifrig, wie mir der rührige Schriftsteller David Irving mitteilte, die restlichen Jahrgängen.

 

Ich ließ mir von Irving eine Kopie zusenden, um sie mit dem Text zu vergleichen, den Du mir gegeben hast. Zum Glück sind nur, für den Geschichtsschreiber, unerhebliche Abweichungen festzustellen, die ich Dir beilege. Aber trotzdem: Wäre es nicht besser, wenn wir den ersten Schritt von uns aus tun und ich die Abschrift der Chronik, die nun im Bundesarchiv lagert, durch eine Fotokopie des bei Dir befindlichen Originals ersetzen? Ich würde in diesem Fall nochmals schnell feststellen, worin die Unterschiede bestehen, und Dich vorher informieren ...

 

Ich hoffe, daß Du es mir gestattest, die Verwehungen dieser Chronik auch bei anderen Jahrgängen wieder zurechtzurücken.' (ZITIERT NACH KOPIE VON BAUDISCH) FUßNOTE (13)

 

 

Wolters antwortete ihm am 10. Januar mit einem Brief, dessen Komposition ihm offensichtlich Spaß bereitete. Er war mit der Überschrift 'Betr.: Beschehrung' versehen und begann mit einer Erklärung, warum und wie er die Abschrift und gleichzeitige 'Reinigung' seines Chronikexemplars organisiert habe, von dem Speer einen Durchschlag erhalten sollte. Er hatte sein Exemplar für das einzig vorhandene Original gehalten, hatte kleine stilistische und grammatikalische Korrekturen vorgenommen sowie ein paar wenige 'ausgesprochene Albernheiten' und historisch unwichtige Nebensächlichkeiten ausgelöscht. Als Autor fühlte er sich zu unbedeutenden Streichungen berechtigt:

 

 

'Allerdings habe ich mich aber auch gezwungen gesehen, einige ganz wenige Stellen herauszunehmen, die zeitgeschichtlich leider nicht unbedingt unwichtig sind. Zum Beispiel die Stelle: 'In der Zeit vom 18. Oktober bis zum 2. November (1941) wurden in Berlin ungefähr 4.500 Juden evakuiert...' Dadurch wurden weitere Wohungen für Bombengeschädigte frei und vom Generalbauinspekor zur Verfügung gestellt ..." Diese sich einige Male wiederholenden Notizen gipfeln dann 1942 in einem abschließenden Bericht Deines Mitarbeiters Cl(ahes), aus dem zu entnehmen ist, daß die Zahl der umgesiedelten "Personen" 75.000 betrug, und insgesamt "23.765 jüdische Wohnungen erfaßt" wurden. Das ist natürlich eine Leistung!' (ZITIERT NACH KOPIE VON BAUDISCH)

 

 

Wolters erklärte, er habe diese 'wenigen aber aussagekräftigen' Vermerke damals 'unter den Tisch fallen' lassen, wenn er auch das Original unverändert ließ. Zu der Zeit, als er das tat (1964), seien gerade 'Hexenprozesse' gegen 'Schreibtischtäter' der Nazi-Ära im Gange gewesen. Denn die Witwe Clahes sei gemeinsam mit ihren Kindern noch am leben gewesen und hätte jahrelang für eine Pension kämpften müssen. Und schließlich sei auch Speer selbst noch am Leben gewesen - und zwar noch in Spandau. Das westdeutsche Ermittlungsbüro für Kriegsverbrechen (WAR-CRIMES INVESTIGATION BUREAU) in Ludwigsburg hätte ein neues Verfahren gegen Speer eröffnen können, denn die Vertreibung der Juden war nicht Bestandteil der Nürnberger Anklageschrift gegen ihn gewesen.

 

 

Wolters schlug nun vor, Mommsen, 'dem Du voreilig eine Abschrift gegeben hast', um deren Rückgabe zu bitten, so daß der Chronist die paar Auslassungen würde beheben können. Speer könne das Original jederzeit gerne sehen, solange er es unverändert wieder zurückgebe.

 

 

'Es an Herrn Mommsen weiterzugeben, selbst in fotokopierter Form, wäre mir insofern nicht recht, als jemand selbst nach dem emphatischsten Ausradieren die Stellen sehen könnte, die mit Bleistift getilgt wurden.' (! ÜBERSETZT ! - ANGEBL. HAT KOLF BZW. BAUDISCH ORIGINAL-ZITAT!)

 

Die vorgeschlagenen Korrektur könne man dem Archiv als viel billiger und einfacher präsentieren, als die 800 Seiten des Originals zu fotokopieren.

 

'Oder sag ihnen einfach, "der Bursche will das Original nicht aus der Hand geben" - ich würde ihnen voller Freude meine Gründe nennen.' (! ÜBERSETZT ! - ANGEBL. HAT KOLF BZW. BAUDISCH ORIGINAL-ZITAT!)

 

 

Wolters kam zu folgendem Schluß:

 

 

'Im übrigen kannst Du beruhigt sein; ich habe verfügt, daß das Original der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, sobald keinem mehr ein Schaden daraus erwachsen kann. (Es ist auch möglich, daß Marion (Riesser) zunächst einmal das Original vernichtet hat. Und nun entscheidest Du, großer Rüstmeister (pardon).' (ZITIERT NACH KOPIE VON BAUDISCH)

 

 

Speer, noch immer in den Dolomiten, ließ in seiner Antwort das Datum weg. In diesem Brief legte er dar, daß seine Einsicht, alles mitzuverantworten, 'alles einschließe', und unterbreitete seine Alternativlösung zum Mommsen-Problem:

 

 

'Ich schlage vor: die entsprechenden Seiten existieren nicht mehr. Allerdings dann, im Gegensatz zu Deinem Brief, überhaupt nicht mehr. Eine Verschiebung auf spätere historische Zeiten würde ungünstig sein; wer beantwortet eine verdrehte Auslegung, die durch die Tatsache der vieljährigen Zurückhaltung nur gefördert wird? Es wird als durchaus legitim betrachtet werden, daß Du einige Seiten einer Dokumentenreihe weggelassen hast ... Diese Archivräte möchten eben zugerne statt einer verdächtig sauberen Abschrift Zettel und Seiten, die vergilbt, mit Wasserflecken versehen, fast nicht mehr lesbar sind. Den Gefallen sollte man ihnen tun (6x KURSIV) (Hervorhebung des Autors).' (ZITIERT NACH KOPIE VON BAUDISCH)

 

 

Es muß gesagt werden, daß dieser Brief Speers von allen seinen Ergüssen, die ich während meiner Recherche zu diesem Buch las, den am meisten gewundenen Stil aufweist. Aber es ist zweifellos klar, daß es sich bei dem, was er vorschlägt, um eine vorsätzliche Unterschlagung handelt, wobei er diejenigen Passagen der Chronik (andere als die aus der, zu jener Zeit bereits in öffentlicher Hand befindlichen, 1943er Chronik) die auf seine Vertreibung der Juden aus Berlin hindeuten/verweisen, gezielt und zwar endgültig ausmerzen/vernichten will. Wolters war für die ursprüngliche/anfängliche Bereinigung verantwortlich, wie er freimütig einräumte, und erklärte sich bereit, seinem Freund Peinlichkeiten zu ersparen, indem er die Original-Chronik so lange unter Verschluß halten wollte, bis niemand mehr Schaden durch sie erleiden könne; doch der Freund reagierte mit dem Vorschlag, die Tilgungen endgültig werden zu lassen, und zwar so, daß ihre vorherige Existenz ebenfalls verschleiert wäre. Mit anderen Worten, Speer hatte vor, historische Dokumente zu fälschen, um seinen Platz in der Geschichte zu bewahren, den er sich mit Hilfe seiner Memoiren, unter Historikern bereits als Geschenkte-Gaul-Quelle gehandelt, schon frühzeitig selbst hatte sichern wollen:

 

 

'Prozedur: Du schickst mir (ohne 1943 und ohne die "Seiten") Jahr 1941 - 1944 zu Durchsicht und Vergleich. Ich sende es 1.) entweder an Dich zurück, zur Weitergabe an Bu-Archive durch Dich, oder 2.) direkt an diese Stelle. Ersteres würde ich für richtiger halten.

 

Ich hoffe, daß trotz Nebelschwaden, die das Haus umziehen, ich mich klar genug ausgedrückt habe.' (ZITIERT NACH KOPIE VON BAUDISCH)

 

 

Speer unterzeichnete mit 'Euer Albert Felix Minus (2x KURSIV)' (Euer weniger glücklicher Albert).

 

 

Wolters nahm keine weiteren Manipulationen am Original vor. Er behielt die Streichungen, die dicken Bleistiftstriche und die gelegentlichen, kaum lesbaren Änderungen in seiner sehr zittrigen Handschrift bei. Sein nächster Brief war auf den 22. Januar datiert und klingt einigermaßen ironisch:

 

 

'Lieber Albert, erst heute komme ich dazu, auf Deinen Brief aus Selva (ohne Datum) zu antworten, da sowohl Marion als auch ich die ganze Zeit über gesucht haben, wo das Chronikoriginal geblieben sein könnte. Um es gleich zu sagen: es ist spurlos verschwunden, es ist weg, es ist nicht mehr da, es existiert einfach nicht mehr.' (ZITIERT NACH KOPIE VON BAUDISCH)

 

 

 

Wolters hielt dies 'auch für eine gute Sache', da eine zweite Korrektur ausgeschlossen sei. Er fühle sich durchaus wohl mit seinen Streichungen, denn er sei beim Schreiben der Chronik selektiv vorgegangen und besitze, wenn er sich wieder damit beschäftige, jedes Recht, noch einmal ganz genau so zu verfahren. Er könne jetzt auf Grund von Irvings Entdeckung in London nicht mehr mit einer dritten Version aufwarten. Aber wenn es Schwierigkeiten geben sollte, dürfe Speer die Schuld ruhig auf ihn und Marion abwälzen - ein mehr als großzügiges Angebot, wenn man sich die Umstände vor Augen führt.

 

 

Nachdem er am 2. Februar wieder nach Heidelberg zurückgekommen war, bedankte sich Speer bei Wolters und bat ihn prompt um einen weiteren Gefallen: Ob er den oben erwähnten Brief umschreiben könne, 'in eine Form, die ich dem Bundesarchiv schicken kann? Ich denke, das dürfte das Ende der Angelegenheit sein.' (! ÜBERSETZT ! - ANGEBL. HAT KOLF BZW. BAUDISCH ORIGINAL-ZITAT!) Am 10ten des Monats erwies Wolters ihm diese Gefälligkeit, indem er den Brief vom 4ten in einem Begleitschreiben quittierte und die erbetene Lüge beifügte, die an den 'Lieben Speer' gerichtet und mit dem Hinweis 'Betr. Chronik' versehen war:

 

 

'Wie ich Dir bereits fernmündlich mitteilte, habe ich das Original der Chronik Deiner Dienststellen unter meinen Papieren nicht mehr auffinden können. Da ich nur ein Exemplar der Chronik besaß und dieses teilweise nur in Aktenheftern oder einzelnen Blättern existierte, habe ich die rund 800 Seiten seinerzeit abschreiben lassen und zusätzlich mit einem Register versehen.' (ZITIERT NACH KOPIE VON BAUDISCH)

 

 

 

In dem betrügerischen/konspirativen Brief heißt es weiter, daß Wolters sowohl Grammatik und Stil verbessert als auch einige sehr unbedeutende Nebensächlichkeiten herausgenommen habe. Außerdem fühle er sich als Autor jederzeit berechtigt, 'unwesentliche Streichungen' vorzunehmen, schließlich sei er ja auch selektiv vorgegangen, als er das Original aus einer Masse von Rohmaterial zusammengestellt habe. Er schloß den Brief mit folgendem Satz ab: 'Ich bedaure, Dir keine andere Auskunft geben zu können.' Speer verlor keine Zeit, den bewußt irreführenden Brief Herrn Dr. Mommsen in Koblenz zuzuleiten. Sein Begleitschreiben, das mit dem Datum des 13. Februars versehen ist, bedauerte den Erhalt einer abschlägigen Antwort von seiten seines Freundes, die beigelegt sei, und fügte hinzu: 'Es tut mir leid, daß ich in dieser Angelegenheit nicht erfolgreicher gewesen bin.' In einem Brief mit demselben Datum teilte Speer Wolters mit, daß er die Tat vollbracht/begangen habe. FUßNOTE (14)

 

 

 

Am Ende dieser detaillierten Dokumentation von Speers zu Lebzeiten erfolgreichem Versuch, seine unmittelbare Rolle bei der Judenverfolgung zu kaschieren, stellen sich zwei zugegebenermaßen rhetorische Fragen. Den Schwindel ließ Wolters auffliegen, und zwar einen Teil 1980, als er den Doktoranden Matthias Schmidt davon in Kenntnis setzte, der es wiederum 1982 veröffentlichte, und dann in vollem Umfang, als seine Hinterlassenschaft, die seine Abschrift der Original-Chronik beinhaltete, 1983 das Bundesarchiv erreichte. Wolters hatte Speer gewarnt, daß man es 'nach meinem Tode wiederentdecken' würde; insofern hatte Speer Glück, daß er vor ihm, 1981, starb.

 

 

Der Verfasser vorliegender Biographie hat keine psychologische Ausbildung genossen, die ihn qualifizieren würde, bei der Beantwortung der ersten Frage, die sich womöglich selbst beantwortet (oder auch nicht), behilflich zu sein: Warum schickte ein Mann wie Speer, der fähig war, sich an beinahe alles zu erinnern, und ganz und gar an jene lebensrettende Selbstdarstellung gebunden war, die er in Nürnberg präsentiert hatte, ein Mann, der sowohl von der 'Reinigung' der Chronik als auch von Irvings Fund in London wußte, warum eigentlich schickte dieser Mann die bereinigte Fassung überhaupt nach Koblenz? War dieser krasse Schnitzer allen Ernstes eine Freudsche Fehlleistung, der den unterbewußten Wunsch des schuldbeladenen Mannes indizierte, für sein persönliches Verbrechen an den Juden bestraft zu werden - oder handelte es sich bloß um selbstgefällige Arroganz?

 

 

Die zweite Frage muß mit Sicherheit lauten, welchen historischen Wert man Speers Memoiren jetzt noch beimessen darf. Oder seinen Gewissensbissen wegen der Mitschuld an den allgemeinen Schandtaten der Nazis sowie der damit verbundenen Leugnung damaligen Wissens, die sie ad nauseam (2x KURSIV) von sich gaben? Welchen Wert darf man all dem jetzt noch beimessen, wenn man weiß, daß er beim Schreiben sein eigenes konkretes Verbrechen verheimlichte?

 

Kapitel 18